«Eine fundamentale Änderung der Menschheitsgeschichte»

Gewerbe Stadt St.Gallen
09.01.24
Autor/in: Michael Breu
In seinem bahnbrechenden Werk «Computing Machinery and Intelligence» prägte der britische Mathematiker und Computertechniker Alan Turing 1950 erstmals den Begriff «künstliche Intelligenz». Heute ist KI nicht mehr der oft beschriebene «Megatrend von morgen», sondern längst in unserem Alltag angekommen – oft unbemerkt: als Sprachassistent in unserem Wohnzimmer, als Fahrunterstützung im Auto oder als Suchmaschine auf dem Laptop. Prof. Dr. Guido Schuster ist Direktor des ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Im Rahmen von «Gewerbe@OST» zeigt er in einem Fachvortrag auf, was Gewerbetreibende über künstliche Intelligenz wissen müssen.

«Künstliche Intelligenz ist die Fähigkeit einer Maschine, menschliche Fähigkeiten wie logisches Denken, Lernen, Planen und Kreativität zu imitieren.» Diese Definition des Europäischen Parlaments ist abstrakt. Guido Schuster, kann man den Begriff auch einfacher, konkreter umschreiben?

Guido Schuster: Beispiel: Eine Maschine macht etwas, das man als intelligent bezeichnen könnte. Wenn ein Mensch das gleiche machen würde, dann ist das «schwache» künstliche Intelligenz. Sobald die Maschine dies in vielen verschiedenen Gebieten kann, dann weitet sich der Begriff aus und man fängt an von «starker» künstlicher Intelligenz zu sprechen. Heute haben wir viele «schwache» künstliche Intelligenzen, und man streitet sich darüber, ob ChatGPT bereits Zeichen von «starker» künstlicher Intelligenz zeigt.

Geben Sie uns ein Beispiel: Wo finden wir den heute KI typischerweise im Einsatz?

Schuster: Sogenannte «Empfehlungsdienste» sind überall, bei Amazon, YouTube, Tinder etc. Die KI schlägt etwas vor, was uns statistisch mit hoher Wahrscheinlichkeit gefallen wird.

Künstliche Intelligenz – oft auch als Artificial Intelligence beschrieben – ist heute mehr als ein Megatrend. Wo sehen Sie das Potenzial?

Schuster: KI stellt eine fundamentale Änderung der Menschheitsgeschichte dar, am besten vergleichbar mit der Einführung der Elektrizität vor etwa 150 Jahren. Somit ist das Potenzial praktisch unbegrenzt.

Kleine und mittelgrosses Unternehmen müssen sich mit KI befassen. Wo kann KI das Gewerbe unterstützen?

Schuster: Sobald Microsoft ihren KI-Copilot in Office 365 ausrollt, werden viele Büroarbeiten durch KI-Automation schneller. Somit bleibt dem Gewerbe mehr Zeit für andere Aktivitäten.

Was müssen KMU tun, damit sie den Anschluss nicht verpasst? Heute einsteigen oder kann man noch etwas zuwarten?

Schuster: Sobald die Werkzeuge zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel in Office 365, muss man sich einen Ruck geben und diese Werkzeuge auch benutzen. Am Anfang wird dies wie immer aufwendig sein, aber innert kurzer Zeit wird man wesentlich effizienter werden. Aktiv neue Werkzeuge zu suchen, macht im Gewerbe wahrscheinlich eher weniger Sinn.

Noch zum Kosten-Nutzen-Verhältnis. Mit welchen Kosten muss ein KMU rechnen, wenn es KI einsetzen will?

Schuster: In den meisten Fällen werden die Werkzeuge automatisch mit AI verbessert, und es entstehen keine neuen Kosten. Ich erwarte, dass durch die Effizienzsteigerung die Kosten für alle administrativen Arbeiten signifikant fallen werden.

Alle Studierenden an der OST sollen künftig die Grundideen von KI verstehen, deshalb wurde unter anderem das ICAI Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence gegründet. Gibt es auch Angebote für Gewerbetreibende?

Schuster: Wir bereiten einen CAS-Lehrgang AI vor, wo wir interessierten Personen die Grundlagen von AI in einer sehr zugänglichen Art vermitteln. Ausserdem werden im CAS AI auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die Einsatzgebiete von AI vorgestellt. Dies wäre sicher eine Weiterbildung, von der Gewerbetreibende viel profitieren können.

Prof. Dr. Guido Schuster
Guido Schuster ist Leiter des Interdisciplinary Center for Artificial Intelligence an der OST. Nach der Lehre als Radio-TV-Elektroniker studierte er am Neutechnikum Buchs Mess- und Regeltechnik und schloss 1990 als Bester seines Jahrganges ab. Ein Master und ein PhD-Titel der Northwestern University, Illinois, runden seine akademische Ausbildung ab. Während seiner Doktorarbeit war er für die Motorola Corporate Research Laboratories in Schaumburg, Illinois, tätig, wo er an der Entwicklung des Mpeg-4-Standards beteiligt war. Danach arbeitete er für U.S. Robotics in der Network Systems Division in Mount Prospect, Illinois, wo er den VoIP-Standard SIP mitentwickelt hat. Als CTO war Schuster Mitgründer der 3Com Internet Communications Business Unit und entwickelte das erste kaufbare SIP-Internet-Telefonsystem der Welt, das 2000 auf den Markt kam. Schuster lebt mit seiner Frau, drei Töchtern und einem Hund in Stäfa am Zürichsee.

Gewerbe@OST

Gewerbe Stadt St.Gallen und die OST laden zum Fachvortrag im Rahmen von «Gewerbe@OST»: Dienstag, 20. Februar 2024, 17 Uhr, in der Aula der OST – Ostschweizer Fachhochschule an der Rosenbergstrasse 59 in St.Gallen. Anmeldung an: sekretariat@gsgv.ch

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