Von Luxusproblemen und Studienüberfluss

21.06.22

Geschätzte Gewerblerinnen und Gewerbler

Doppelter Boden und Sicherheitsnetz: Die Studiendichte nimmt täglich zu. Für jedes Thema, für alle Fragen und als Entscheidungsgrundlagen wird Studie um Studie erstellt. Die Pandemie hat dies verstärkt. Gefühlt täglich erscheint eine neue Studie was richtiggemacht wird, was falsch, ob die Qualität der Arbeit reicht, und und und und… Unbestritten: Studien können sinnvolle Arbeitsinstrumente sein. Ich stelle mir immer häufiger die Frage, ob wir Entscheidungsmüde sind? Unsere Entscheidungsfreudigkeit ist ein seltsames Ding. Sie kann ebenso ermüden, wie wir körperlich müde sind nach einem langen Tag. Entscheidungsmüdigkeit macht uns schliesslich zu willigen Opfern. Zu Beginn eines Kaufprozesses wählten Kunden noch sorgfältig aus. Je mehr sie aber gefordert waren, umso öfter entschieden sie sich im Sinn des Verkäufers.

«Decision fatigue» nennen es die Expertinnen und Experten, wenn wir vor lauter Entscheidungen, die da überall lauern, in uns zusammenbrechen. Entscheidungsmüdigkeit. Zu viel Auswahl macht den Menschen verrückt, müde und matt. Statt die grosse Befreiung verspüren wir Lähmung. Werden geflutet mit Information, und tun am Ende: gar nichts. Der US-amerikanische Psychologe Berry Schwartz kommt zum Schluss: Wir sind heutzutage mit so vielen Entscheidungsmöglichkeiten in allen Bereichen unseres Lebens konfrontiert, dass selbst Entscheidungen in den banalsten Momenten unseres Lebens sich gross, relevant und furchteinflössend anfühlen. So wird einen Film oder einen neuen Anzug auszusuchen zur schier unüberwindbaren Aufgabe, die uns nicht nur viel Energie und Willenskraft kostet, sondern uns auch unzufrieden zurücklässt. Denn je mehr Auswahl uns gegeben wird, desto grösser wird unsere Angst, die falsche Wahl zu treffen. Was im privaten mit gefühlten Banalitäten beginnt, wird im Geschäftsleben
grösser. Alle Projekte werden abgeklärt, Kosten/Nutzen-Analysen erstellt, Studien geplant, langfristig vorausgedacht, an alle Risiken gedacht, die möglichen Shitstormes durchleuchtet und hinterfragt. Am Schluss schwingt sie über uns wie ein Damoklesschwert: DIE ENTSCHEIDUNG.

Lassen Sie uns wieder mutiger werden und einfach wagen. Denn probieren beflügelt und öffnet neue Türen für andere Perspektiven. Frei nach try & error. Weil es dann irgendwann auch ein try & win geben wird – ganz bestimmt.


Freundliche Grüsse

Felix Keller

Geschäftsführer Gewerbeverband St.Gallen (KGV)

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