QV 2026 – Grösste Berufsgruppe erfindet sich neu

Lehrabschlussprüfungen
08.09.26
Autor/in: Thomas Tannheimer
Der Kantonale Gewerbeverband St.Gallen (KGV) hat im Juni 2026 zum 141. Mal die Qualifikationsverfahren (QV) organisiert. Mit den Kaufleuten hat in diesem Jahr die grösste Berufsgruppe ihr QV nach der neuen BiVo durchgeführt. Chefexperte der Branche Dienstleistung und Administration, Reto Coduri, gibt uns einen Einblick in diesen Wandlungsprozess und spricht über die Herausforderungen der neuen BiVo.

Herr Coduri, die neue BiVo zum Beruf Kaufmann/Kauffrau ist 2023 in Kraft getreten. Dieses Jahr schlossen die ersten Lernenden ihre Lehrzeit nach dem neuen System ab. Inwiefern hat die neue BiVo den Lehrberuf Kaufmann/Kauffrau verändert?

Der wesentliche Unterschied ist, dass man sich neu an Handlungskompetenzen orientiert. Das heisst, es gibt in der Berufsschule keine eigentlichen Fächer mehr, stattdessen wird der Inhalt fächerübergreifend und praxisorientiert vermittelt. Die Lernenden sollen vernetzter Denken und Zusammenhänge verstehen. Die drei Lernorte Betrieb, ÜK und Berufsschule sind dadurch näher zusammengerückt. Im ÜK gibt es beispielsweise jetzt auch ein Praxisprojekt. Der Fokus liegt mit der neuen BiVo nicht mehr auf dem klassischen Fachwissen, sondern auf der gezielten Anwendung im beruflichen Kontext. Viele Prozesse mussten neu gedacht und die Betroffenen entsprechend geschult werden.


Wie hat sich die Durchführung des QV nach neuer BiVo gegenüber dem alten System verändert?

Die schriftliche betriebliche Prüfung ist gänzlich weggefallen. Dafür wurde die mündliche Prüfung von ehemals 30 Minuten auf 50 Minuten erweitert und neu aufgebaut. Es wird nicht mehr klassisches Wissen abgefragt, stattdessen müssen die Lernenden in der praktischen Arbeit anhand konkreter Fallbeispiele ihre Kompetenzen unter Beweis stellen. Es geht darum, Probleme zu identifizieren und Lösungsvorschläge zu unterbreiten.

Das betriebliche QV ist insofern anspruchsvoller geworden, weil jetzt – neben den Erfahrungsnoten – nur noch eine einzige Prüfung über bestanden oder nicht bestanden entscheidet. Zudem ist eine längere mündliche Prüfung sowohl für die Lernenden als auch die Experten aufwändiger. Ausserdem generiert die neue Prüfungsform zeitlich einen Mehraufwand. Die schriftliche Prüfung konnte in der Olma-Halle von 500 Lernenden gleichzeitig geschrieben werden.

Im 2026 und den beiden Folgejahren wird zudem noch zweigleisig gefahren, weil gleichzeitig noch die letzten Lernenden nach alter BiVo ihre Lehre abschliessen. Das braucht mehr Personal und ist organisatorisch herausfordernd.

Reto Coduri
Chefexperte Branche Dienstleistung und Administration



Was waren die grössten Hürden bei der Organisation?

Alle Expertinnen und Experten mussten neu geschult werden. Die 1.5 bis 2-tägigen Kurse wurden zwar vom Dachverband, der IGKG Schweiz, organisiert, dennoch gab es viel Unterstützungsaufwand. Dann ist ein Wechsel generell immer schwierig für alle Beteiligten. Plötzlich kann niemand mehr auf Erfahrung aufbauen, die Prüfung ist für alle neu, es tauchen viele Fragen auf, teils spürt man Widerstand. Da ist ziel gerichtete, klare Kommunikation sehr wichtig.

Des Weiteren sind einige Expertinnen und Experten abgesprungen und es mussten zahlreiche neue Personen rekrutiert werden. Das ist uns aber zum Glück rechtzeitig gelungen.


Mit 760 zum QV angetretenen Lernenden war Kaufmann/Kauffrau wiederum der meistgewählte Beruf. Wie sehen Sie die Entwicklung über die nächsten zehn Jahre – auch im Zusammenhang mit der KI?

Ich glaube, dass es den Beruf auch in zehn Jahren noch gibt, einfach in anderer Form. Viele repetitive Aufgaben werden bis dann automatisiert sein. Problemlösung, vernetztes Denken und Kundenorientierung sind Kompetenzen, die in Zukunft noch stärker gefragt sein werden als heute.

Auch KI ist ein grosses Thema. Die Lernenden müssen lernen, KI richtig anzuwenden und einen verantwortungsvollen Umgang zu pflegen. Die Verantwortung bleibt beim Menschen und dieses Bewusstsein darf nicht verloren gehen.



Zahlen und Fakten zum QV 2026







Abschlussprüfungen

  • 4’783 angetretene Kandidat/innen mit St.Galler Lehrvertrag
  • Verteilt auf 309 Berufen, Branchen und Fachrichtungen
  • Durchfallquote 6.4% (306 Personen)
  • 133 Personen mit Gesamtnote > 5.5
  • 1’828 Personen aus 25 Kantonen wurden uns zur Prüfung zugewiesen
  • 1’055 Personen aus St.Galler Betrieben absolvierten die Prüfung in einem anderen Kanton


Teilprüfungen

  • 503 angetretene Kandidat/innen
  • davon 13 ohne Erfolgsmessung
  • Durchfallquote 5.9%



Herzlichen Dank!

An die Chefexpertinnen und Chefexperten sowie deren Prüfungsexperten-Teams, die auch dieses Jahr wieder unermüdlich im Einsatz waren.

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